Samstag, 3. November 2007

Kuchenbruch: "hurra ich werd ein neocon"

Kuchenbruch und ich spielen gerne mal große Politik. Er übernimmt die Rolle der linken Sau und ich bin der rechte Sack. Natürlich, das gehört zum Spiel dazu, übertreiben und pauschalisieren wir dabei nach Herzenslust. Jetzt hat Kuchenbruch eine Art Manifest verfasst, das auf unwiderstehliche Weise deutlich macht, was im linken Mainstream gerne über Leute gedacht wird, die nicht (mehr) links sind. Die Botschaft lautet in Kürze: Wer nicht links ist, ist genauso drauf, wie die Leute bei PI drauf sind.

Ich habe mir erlaubt, als rechter Sack einige Ausschnitte zu kommentieren:

Ich bemühe mich seit einiger Zeit redlich die neokonservative, wahlweise ultraliberale Ideologie zu verinnerlichen, weil nur diese mir ein probates Mittel zu sein scheint, um mich in unserer unübersichtlichen Welt noch zurechtzufinden. Denn das beste und hervorstechendste Merkmal dieser Weltanschauung ist ihre wunderbare Einfachheit und nicht zu übertreffende Eleganz. Und ist nicht die Wahrheit immer einfach bzw. das Einfache nicht immer das Wahre? Wohl schon!

Sehr richtig. Beispiel: Terroristen sind Terroristen.

Aus diesem Grund möchte ich die einfachen Regeln, die mir dabei geholfen haben ein wahrer neokonservativer Ideologe zu werden, dem geneigten Leser nicht länger vorenthalten. Befolgen Sie diese Hinweise, so steht auch Ihrer Karriere im neokonservativen Lager nichts mehr im Wege. Eins vorweg: Das beste daran ist, dass Sie sich sowohl als Teil eines liberalen Undergrounds begreifen als auch mit einem nicht unbeträchtlichen Teil der Eliten dieser Gesellschaft einig wissen können.

Ich würde dem Hinweis zu gegebener Zeit gern folgen, nur: Wo ist eigentlich das neokonservative Lager, zumal in Deutschland?

1. Vergessen Sie den ganzen Sozialkram. Jeder ist schließlich selber für sich verantwortlich und der Kapitalismus ist in jeder Hinsicht einfach nur super! Denn Freiheit heißt schließlich vor allem Freiheit des Kapitals und für alle Gestrandeten gibt es ja beheizte Bankterminal-Räume. Das nenne ich Kapitalismus mit menschlichem Antlitz.

Wenn wir das chinesische Modell eines staatlich geleiteten, also unfreien Kapitalismus' mal beiseite lassen, können wir in der Tat feststellen, dass in den Regionen des Planeten, wo eine freie Marktwirtschaft eingerichtet wurde, Wohlstand und Freiheit der Menschen größer sind als z. B. in Nordkorea.

2. Vergessen Sie Poltical Correctness. Das ist etwas für die Doofen und Schwachen. Beleidigen Sie Angehörige so genannter Randgruppen richtig deftig und schrecken Sie auch nicht vor der Benutzung angeblich diskriminierender Bezeichnungen zurück. Es wird Zeit sich gegen das Sprachdiktat der Gutmenschen aufzulehnen.

Oha, da ist Kuchenbruch ein Fehler unterlaufen. Denn gerade im Mutterland der Neocons, in den USA, ist ja die Idee der Political Correctness entstanden und wird auch noch immer hochgehalten. So wäre es eine Dummheit, sie zu vernachlässigen oder gar zu vergessen, wenn man es bis zu den Eliten schaffen will.

3. Seien Sie sich im klaren darüber, dass die Gesamtheit der Moslems einen monolithischen Block darstellen und prinzipiell irgendwie üble Burschen sind. Wie auch schon bei Punkt 2. ausgeführt sollten Sie nicht vor Beleidigungen zurückschrecken. Belasten Sie sich auch so wenig wie möglich mit irgendwelchem Detailwissen, das schadet nur dem klaren Blick auf die Verhältnisse.

Hier wird klar, dass Kuchenbruch in der Rolle der linken Sau natürlich allerorten Islamophobie zu entdecken glaubt: Nicht islamische Fundamentalisten sind das Problem, nein, ganz im Gegenteil, die überall um sich greifende Islamophobie ist die Gefahr!

4. Waren Sie einmal ein Antiimp? Dann haben Sie es besonders einfach. Drehen Sie die Feindbilder in Ihrem Hirn einfach um. Es ist im Prinzip genauso simpel wie vorher: Hier die Guten, da die Bösen. Ignorieren Sie so gut wie möglich die Außenrealität. Falls sich eine Ihrer “Vorhersagen” als falsch herausgestellt haben sollte, ändern Sie nichts an Ihrer Meinung. Schuld sind in diesen Fall sowieso nur die anderen, die Ihren Anweisung nicht ausreichend Folge geleistet haben. Und schließlich geht’s ja auch immer ums Prinzip, egal wie viele Leute dabei draufgehen. Wenn Sie Ihre linke Attitüde nicht gänzlich aufgeben wollen, probieren Sie es einmal mit den Antideutschen: Es gibt da auch richtig harte Varianten, bei denen kein Augen trocken bleibt.

Dieser vierte Punkt ist ein bisserl wirr, leicht könnte Unklarheit darüber entstehen, ob ich nun ein Neocon, ein Ultraliberaler oder ein Antideutscher werden soll. Zu den Schlagworten "Außenrealität" und "Vorhersagen" in Kuchenbruchs Predigt wollen wir lieber schweigen.

5. In Sachen Klimaschutz haben Sie’s jetzt wirklich gut. Alles nur mediengemachte Panik, kein Grund sich zu beunruhigen. Die Lüge vom anthropogenen Klimawandel haben sich ein paar durchgedrehte, nicht ernst zu nehmende Wissenschaftler ausgedacht. Wir wissen zwar, dass die Erdtemperatur sich erhöht, aber mit unserem Verhalten hat das natürlich rein gar nichts zu tun. Im übrigen wäre es auch antiamerikanisch etwas anderes zu behaupten.

Donnerwetter! Schon wieder hat sich in Kuchenbruchs Manifest ein Fehler eingeschlichen, der unverzeihlich ist. Zunächst stimmt ja alles noch, aber dass es antiamerikanisch sein soll, zu behaupten, der Klimawandel ist menschengemacht, stimmt nachdenklich, denn der führende Kopf der amerikanischen Klimaschutzbewegung, Al Gore, ist doch sogar mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden!

6. Sie gehören zwar zum liberalen Untergrund, aber mit ein bisschen Glück können Sie in führenden Zeitungen der BRD publizieren. Dabei dürfen Sie aber nicht vergessen, dass Sie eigentlich verfolgt werden. Sie sollten bei passender Gelegenheit darauf hinweisen, dass auch Sie sich in einem heiligen Krieg befinden.
Noch ein Rat für ihre publizistische Arbeit: Um ihre Behauptungen plastisch zu unterstreichen, können Sie auch ruhig mal etwas erfinden oder übertreiben, schließlich wissen Sie ja was wahr und was falsch ist.

Au fein, das klingt gut. Als ehemaliger Linker habe ich die Rolle des leidenden Verfolgten natürlich intus und kann sie problemlos nun auch als rechter Sack auf dem Weg zum Neocon übernehmen.

7. Vergessen Sie Ihren Schuldkomplex. Es gibt keinen Grund sich mit der Geschichte des Kolonialismus und seiner Nachwirkungen zu beschäftigen. Das wurde nur erfunden, um Ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen. Lieber sollten die Afrikaner wie wir Europäer oder US-Amerikaner mal selber was auf die Beine stellen und nicht nur den ganzen Tag an Frauen denken, unter Palmen dösen und nur unsere schöne Entwicklungshilfe verfrühstücken.

Boahh – das wird ja immer schöner. Also ich will unbedingt ein Neocon werden!

8. In diesem Zusammenhang ist schließlich noch auf die absolute Überlegenheit der westlichen Welt hinzuweisen, die ihre Ursprünge in der Zeit der Aufklärung hat. Seien Sie sich dieser besonderen Verantwortung gerade auch gegenüber den Menschen vom dunklen Kontinent oder anderer unterbelichteter Regionen bewusst. Sie selbst gehören darüber hinaus einer besonderen Elite an: der neokonservativen Avantgarde! Sie sind ein Kämpfer des Lichtes in einer Welt voller Dunkelheit!

Cool, Kuchenbruch kommt endlich zum Kern der Sache, zu der ich noch etwas ergänzen möchte:

In vielen gutmeinenden Kreisen des linken Mainstream ist man überzeugt, man dürfe andere Kulturen aus der Position der eigenen Kultur heraus nicht bewerten. Dieser Kulturrelativismus wird laut Kuchenbruch also von Neocons abgelehnt. In diesem Punkt muss ich gar nicht erst Neocon werden, da ich Kulturrelativismus ebenfalls nicht so toll finde.

Prinzipiell ist es durchaus statthaft, einer anderen Gruppe etwas anzuraten. Die Genitalverstümmelung in Somalia, Sudan oder Mali ist eine kulturelle Tradition, zu deren Abschaffung ich aus europäischem Blickwinkel anraten würde, obwohl es ein "Übergriff" ist, der möglicherweise sogar als eurozentrisch oder als (post-)kolonialistisch gekennzeichnet werden könnte. Kulturelle Autonomie darf genau dann nicht gewährt werden, wenn Menschen schaden zugefügt wird. Das gilt für die Genitalverstümmelung genauso wie es für den Völkermord an den europäischen Juden galt. So meine ich, dass es die Menschen in Afganistan durchaus wert sind, mit europäischer Hilfe dauerhaft von den Taliban befreit zu werden.

Wenn Sie diese einfachen Regeln beherzigen, kann eigentlich nichts mehr schiefgehen und schon bald werden Sie diese wunderbare Klarheit und Leichtigkeit, die Ihnen Ihr neues Weltbild beschert, nicht mehr missen wollen.

Ich würde sagen: Herzlichen Glückwunsch, Kuchenbruch, dein Leitfaden "hurra ich werd ein neocon" ist eine gelungene erste Orientierungshilfe in unserer komplizierten Welt. Lediglich die Punkte zwei und fünf könnten zu Stolpersteinen werden, wenn sich deine Leser auf deinen Neocon-Schulungsweg begeben.

5 Kommentare:

Annette hat gesagt…

Dein Profil gefällt mir, Christoph. Ich hab nur nicht so ein schönes Bild wie du.

Anonym hat gesagt…

Also ich kann das Profil nicht einsehen. Wie machst du das, Annette? Was steht denn drin, in Christophs Profil?

Annette hat gesagt…

Ja, genau, ich verstehe deine Frage sehr gut. Ehrlich gesagt bastle ich seit zwei Tagen (1 davon unterwegs) an einem Profil, Christoph. Und habe festgestellt: Es steht nix drin, was nicht bedeutet, es wird nie was drinstehn. Wenn ich es also einlese, muss es zuerst wieder einen Meinungsbildungsprozess geben, oder wir haben wieder so ein zusammengekleistertes Bild, das nichts hergibt.

Also zunächst mal: Selbst wenn Kuchenbruch und Goy feststellen, sie haben geradezu diametral verschiedene Ansichten, sehe ich, dass sie sich wunderbar ergänzen und sehr gute Freunde sein können: wichtige Erkenntnis!!! Schliesslich sind wir hier in Berlin.

Ja nun, Christoph!

Christoph hat gesagt…

Also ich kann das Profil nicht einsehen. Wie machst du das, Annette?

Annette ist eine Sim, lebt in einer anderen Matrix.

Was steht denn drin, in Christophs Profil?

Ein Zitat von Vaclav Havel. (Es gibt bestimmt auch Leute, die dort ein Nacktfoto von mir sehen.)

Annette hat gesagt…

Lieber Christoph, ich bin jetzt fertig. Du kannst es dir einsehen, das wir alle innerhalb derselben Matrix existieren.

Du meine Güte. Auch noch ein Bild? Au wei. Aber was tut man nicht alles, wenn C. es will. Nackt sind darauf noch nicht einmal Chris`Augen, by the way.

Grüsse